Schloss Oberfrauenau

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Das Schloss Oberfrauenau am Rachel.
Das Schloss aus der Vogelperspektive.
Blick in den Festsaal des Schlosses.

Das Schloss Oberfrauenau (auch: Schloss Frauenau) war ein 1884 fertig gestelltes Schloss im Prunkstil der Neurenaissance und Wohnsitz derer von Poschinger. Es lag in Oberfrauenau am Fuße des Rachel im Bayerischen Wald und wurde auch als „Neuschwanstein von Niederbayern“ bezeichnet. Von dem einst imposanten, 1959 abgetragenen Gebäude ist heute nur noch die Kapelle mit der Familiengruft erhalten. Auf dem eingeebneten Schlossgelände, jetzt eine schöne Wiesenfläche, hält heute ein Falkner Flugvorführungen ab.

Geschichte

Zehnjährige Bauzeit

Von 1875 bis 1884 ließ Georg Benedikt II. von Poschinger, der neunte Poschinger auf dem Glashüttengut Frauenau, ließ am Fuße des steilen und dicht bewaldeten Rachel in Oberfrauenau von Architekt Dr. Albert Schmid aus München ein Schloss im Prunkstil der Neurenaissance errichten. Schmidt war auch an den Entwürfen für die Schlösser des „Märchenkönigs“ Ludwig II. beteiligt. Poschinger war durch ein sehr erfolgreiches Wirtschaften nach dem großen Windwurf von 1870 und nach Spekulationsgewinnen aus Wertpapieren zu den Mitteln gelangt, um sich einen solch edlen Wohnsitz leisten zu können.

Für die Innengestaltung holte Poschinger den Kunstmaler Ludwig Lesker, der auch das Treppenhaus von Schloss Herrenchiemsee gestaltet hatte. In Frauenau zeichnete er für eindrucksvolle Deckengemälde und Wandbilder verantwortlich. Eindrucksvolle Deckengemälde und riesige Wandbilder sowie massive Holzpaneeldecken, Parkettböden und mächtige hölzerne Flügeltüren zierten das Innere. Italienische Handwerker fertigten Treppen aus farbigem Marmor. Der königliche Hofgärtner Carl von Effner legte um das Schloss herum einen Naturpark mit seltenen Laub- und Nadelbäumen an, der zum großen Teil als Hirschgarten Verwendung fand, weshalb er auf weite Strecken von einem Wildgatter umgeben war. Das Prunkstück des Gartens war eine Fontäne, die nach Schloss Linderhof die zweithöchste Bayerns gewesen sein soll.

Erste Jahre und Erweiterungen

Nach der Fertigstellung des Schlosses 1884 konnte sich Georg Benedikt II. von Poschinger jedoch nur wenige Jahre an seinem Schloss erfreuen. Erst 55 Jahre alt, wurde er von einem brunftigen Wapitihirsch kurz vor Weihnachten 1900 getötet. Sohn Eduard Georg Benedikt von Poschinger erweiterte die Anlage unter anderem um einen Sommersaal und eine Kapelle. Der Reichsrat war auch ein ausgezeichneter Kunstkenner und -sammler, der viele Skulpturen aufstellen ließ. Bei prunkvollen Festen kamen neben Menschen aus der Kunstszene, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik auch gekrönte Häupter wie 1921 etwa König Ludwig III. von Bayern oder König Friedrich August von Sachsen. Einträge im erhaltenen Gästebuch listen viele damals prominente Namen auf.

Vom Besuch des Sachsenkönigs ist eine nette Anekdote überliefert. Friedrich August wanderte im Juni 1923 auf den Berg Rachel. Dort traf er auch auf einige Landsleute. Der gesellige König wunderte sich, dass ihn weder die Bayern, noch seine Landsleute grüßten, und so fragte er die Wanderer aus Sachsen bei der Rast auf dem Gipfel: „Kennen Sie mich nicht? Ich bin Ihr König!“ Die Wanderer ließen sich aber dadurch nicht aus der Ruhe bringen. Einer antwortete: „Das tät Ihnen so passen !“ Da meinte der König: „Kennen Sie meine Unterschrift?“ Nachdem die Sachsen dies bejaht hatten, schrieb der König seinen Namen auf ein Blatt Papier. Nun erst erkannten sie ihren König und sie freuten sich, dass sie mit ihm auf dem Rachel „Brotzeit“ machen durften.

Kriegs- und Nachkriegszeit

1930 übertrug Reichsrat Eduard Georg Benedikt von Poschinger das Gut an den ältesten Sohn Hippolyt von Poschinger, dem die Bürde oblag, das Glashüttengut durch den Zweiten Weltkrieg zu führen. Bis 1945 diente der Prachtbau ihm und seiner Familie als Wohngebäude, bevor sie gegen Kriegsende das Schloss verlassen mussten. In der Folge wurde es von den amerikanischen Besatzungsmächten als Truppenunterkunft genutzt. Glaubt man Zeitzeugen, hätten die Besatzer gehaust „wie die Vandalen“. Sie sollen auf die freiliegenden Wasserleitungen geschossen haben. Der Frost ließ dann im Winter den Putz platzen und brechen. Gegen die Kälte behalfen sich die Soldaten dadurch, dass sie die Böden und Möbel verheizten. Später diente das Schloss zahlreichen Flüchtlingsfamilien als Wohnstätte – insgesamt wurden über 100 Heimatvertriebene hier einquartiert.

Da die Schäden und die Instandhaltung des mächtigen Baus nach dem Krieg Unsummen an Geld verschlungen hätte, das Hippolyt von Poschinger dringender für Investitionen in Hütte und Forst benötigte, entschloss er sich zum Verkauf. Er bot den einstigen Prachtbau dem Staat zum Kauf an. Dieser lehnte jedoch aus finanziellen Gründen ab. Als der Baron erfuhr, dass das Gebirgspionierbataillon 8 aus Degerndorf am Inn ein Übungsprojekt suche, beschloss er seinen Besitz zur Verfügung zu stellen. Er beantragte eine Abrissgenehmigung, die er auch erhielt.

Beim Abriss des Schlosses 1959.

Abrissarbeiten

Am 15. Juni 1959 rückten unter dem Kommando des aus Frauenau stammenden Hauptmanns Josef Sedlmeier in Kompaniestärke 50 Pioniere in Oberfrauenau an und errichteten eine Zeltstadt. Ihr Auftrag lautete, aus der Schlossanlage – bestehend aus dem Schlossgebäude, dem Gartensalon, dem Wintergarten und Tanzsaal, und dem Kutscherhaus – die wieder verwendbaren Teile fachgerecht auszubauen und die übrig gebliebenen Teile abzubrechen, bzw. zu sprengen. Von diesem Tag an hörte man in Frauenau zwölf Wochen lang Kompressoren, Bohr- und Abbruchhämmer, Motorsägen, Planierraupen und die Detonationen von Sprengladungen im sonst stillen Tal. Der Kommandant führte gewissenhaft Buch über die Arbeiten. Darin berichtet Sedlmeier unter anderem davon, dass das Unternehmen die nahen Tschechen in höchste Alarmbereitschaft versetzte. Es war die Zeit des Kalten Kriegs und eine Bundeswehreinheit so nah an der Grenze war ihnen nicht geheuer. Laut Sedlmeier störten die Tschechen die Funkverbindungen der Truppe.

Für das Bataillon war der einstige Palast ein hervorragendes Übungsprojekt. Der fachgerechte Abbruch bot alle Möglichkeiten des pioniertechnischen Einsatzes. Das ausgebaute Material wurde abtransportiert und für weitere Übungszwecke, wie beispielsweise den Bau einer Brücke, verwendet. In der Degerndorfer Kaserne finden sich heute noch die Kassettendecken und die Holztüren des Schlosses. Anderes Material wurde zum Bau der Wendelsteinbahn bei Rosenheim verwendet. Nachdem alle brauchbaren Teile ausgebaut waren, wurden der größte der drei Türme und die Reithalle fachmännisch gesprengt. Die Sprengung des 32 Meter hohen mittleren Turms am 15. August 1959 war dabei die Hauptattraktion – es existiert sogar ein Filmdokument darüber.

Insgesamt 750 Kilogramm Sprengstoff wurden verbraucht und die Planierraupenfahrer rechneten 410 Betriebsstunden ab, bis sie die angefallenen 8.500 Kubikmeter Schutt abtransportiert, in die offenen Keller geschüttet, oder auf dem Gelände verteilt hatten. Heute erinnert nur noch die Kapelle mit der Familiengruft, die am hinteren Ende des rechten Seitentraktes angebaut war, an das imposante Gebäude.

Rezeption

„Am Hang des Rachels steht, mächtig und stolz, ein Schloss, umgeben von Tannenholz. Es schaut hinab in die grüne Au, und grüßt das Kirchlein der Lieben Frau.“ So heißt es in einem Heimatlied von Egon Löffelmann aus dem Jahr 1957.

Galerie

Literatur

Weblinks