Rathausturm (Passau)

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Der Passauer Rathausturm.
Blick von der Empore aus.
Die sechs Wappen an der Ostseite des Turmes.
Der Rathausturm bis 1938: Auf dem Foto ist auch noch der „Dachreiter“ zu sehen.
Der Rathausturm mit Glockenspiel.

Der Rathausturm ist der 38 Meter hohe neugotische Turm des Alten Rathauses in Passau. Er wurde von 1889 bis 1892 von Heinrich Freiherr von Schmidt als Ersatz für den 1811 abgerissenen Vorgängerturm erbaut.

Architektur

Pläne für den heutigen Rathausturm gab es erst im Zuge der Renovierung des gesamten Rathauses. Wie die Niederbayerische Volks-Zeitung berichtete, reagierten die Bürger darauf mit „kältester Zurückhaltung“. Schließlich erhielt der Münchner Architekt Heinrich Freiherr von Schmidt den Zuschlag und stach so seine Konkurrenten aus, die, wie aus dem Bildband „Passau in alten Ansichten“ hervorgeht, von einer Rathausfassade im Stil von Neuschwanstein träumten. Trotz der Streitigkeiten gefiel der Turm den Passauer Bürgern letztendlich, allen voran die damals aufgesetzte acht Meter hohe Spitze. Wegen Baufälligkeit wurde diese 1938 unter Empörung der Öffentlichkeit abgesägt. Es gab sicher triftige Gründe für die Abtragung, aus heutigen Gesichtspunkten würde man die Erhaltung aber auf jeden Fall vorziehen.

Heute sind auf dem Dachstuhl 14 Mobilfunkantennen versteckt. 100 Stufen führen zum Balkon des Rathausturms. Am Turm befinden sich ferner noch die Hochwassersäule und ein Relief zum Aufenthalt der späteren österreichischen Kaiserin Elisabeth auf ihrer Brautfahrt nach Wien im Jahr 1854.

Die insgesamt 24 Wappen, die an den vier Seiten des Turms angebracht sind, stellen die Wappen jener Länder dar, die am 18. Januar 1871 in Versailles das Deutsche Reich gegründet haben. Sie wurden von den Kunstmalern Martin Feldmeier und Bernhard Roggenkamp im Juni 1950 anlässlich des 74. Deutschen Katholikentags restauriert.

Geschichte

Erster Rathausturm

Nach langen Diskussionen in Sachen Besitzansprüchen und nach dem Bürgeraufstand im Jahr 1298 gegen den Fürstbischof bildeten drei Gebäude am Fischmarkt, heute Rathausplatz, endgültig den Grundstock des Rathauses. Im damaligen Turm wurde ein Bürgergefängnis eingerichtet, im obersten Stockwerk wohnte ein Feuerwächter, der bei Gefahr die Ratsglocke läutete. Abgerissen wurde dieser erste Turm um 1807: In diesem Jahr stürzte eine steinerne Wasserrinne herab. Es folgt eine Untersuchung durch Bausachverständige und ein Hin-und-Her, ob der Turm renoviert oder gleich abgerissen werden soll. Die Abtragung des Turms begann im Sommer 1811; es dauert zwei Jahre, bis der Turm endgültig verschwunden war.

Zweiter Rathausturm

Erste Entwürfe des neuen Turms gab es 1883 von städtischem Baurat Johann Seidl, die Pläne fertigte der Münchener Architekturprofessor Heinrich Freiherr von Schmidt an. Der Bau begann 1889. Dabei gab es Kritik an der Vorgehensweise: Baurat Seidl hatte einen sanften Bau vorgeschlagen, der die bereits vorhandenen Gebäude verschont hätte; mit den neuen Planungen aber habe man bestehende Gewölbe an den Rathausgebäuden einreißen müssen: „Bis zu fünf Meter Tiefe wurde das schlechte Material ausgehoben, bis endlich ein annehmbarer Grund für die Betonierung gefunden werden konnte. Durch diese Aushebung des Fundaments aber wurden auch Fundamente der Rathausmauern selbst untergraben und die Folge davon war eine Senkung derselben und ein Riss ins Rathaus.“

Interessant ist die Vergabe der einzelnen Bauschritte: Die Steinmetzarbeiten gingen an den Betrieb von Josef Kagleder für 28.221 Mark. Aus Kelheimer Gestein wurde der Rathausturm erbaut – war jedoch auch Granit im Gespräch. Dann wäre der Bau um 6.000 Mark teurer gekommen, außerdem seien auch Dom und damalige Eisenbahnbrücke aus Sandstein. Die Zimmererarbeiten wurden an Anton Scheuerecker vergeben für etwa 1.700 Mark, die Maurerarbeiten gingen für 24.858 Mark an den Baumeister Josef Schwarzenberger.

1892 war der Turm war fertig. Die Passauer Zeitung kommentierte: „Man erkennt schon jetzt die imposante Höhenwirkung des Thurms, welcher trotz seiner tiefen Lage in das Totalbild der Stadt wesentlich eingreifen und den unterschiedlichen Kirchthürmen freundlich zur Seite stehen wird [...].“ Auf dem Turm thronte damals eine mehrere Meter hohe Spitze: Den „Dachreiter“, wie sie die Passauer nannten. Allerdings blieb die Spitze nicht lange am Turm: Schon im Jahr 1938 wurde sie wegen Baufälligkeit wieder abgesägt. Nichtsdestotrotz hält sich die Anname bis heute, dass die Spitze bei einem Artilleriebeschuss in Kriegstagen des Aprils 1938 heruntergeschossen wurde. Zum Abbruch des Dachreiters schreibt die Donauzeitung im August 1938: „Wenn auch Grünspan seine Metallteile überzog, wenn auch seine Fugen sich lockerten – die Passauer hatten sich an ihn gewöhnt.“

Glockenspiel

Geschichte

Eine erste Glocke im Passauer Rathausturm rief ab 1368 den Magistrat zu seinen Beratungen. Sie wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg abgenommen und zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Damit erfuhr sie das gleiche Schicksal wie zwei andere Glocken, die erst seit 1891 im Turm hingen und bereits während des Ersten Weltkrieges wieder beschlagnahmt worden waren.

In den 1950ern versuchte der damalige Stadtheimatpfleger Hans Karl Moritz über eine Spendenaktion wieder Glocken für den nunmehr stummen Rathausturm zu beschaffen. Dies misslang jedoch genauso wie zahlreiche andere entsprechende Versuche. Erst Mitte der 1980er kam die Idee auf, im Turm ein Glockenspiel zu errichten. Ab 1991 hingen 23 Bronzeglocken im Turm, die vier mal am Tag voll automatisch erklangen (ab 24.11.2015 nur noch 3 Spielzeiten: 17:30 Uhr wurde gestrichen, damit Stadtratssitzungen nicht gestört werden). Damit befindet sich im Rathausturm das größte Glockspiel Bayerns. Es umfasste 88 Melodien (Tonumfang 3 Oktaven), darunter unter anderem fünf Kompositionen von Georg Muffat und Benedikt Anton Aufschnaiter.

Live-Instrument

Auf Initiative von Richard Schaffner ist es seit Weihnachten 2007 möglich, die Glocken des Rathausturm über eine neue High-Tech-Funkverbindung per Keyboard-Tastatur vom Rathausplatz aus erklingen lassen kann. Es gab zwar bereits vorher einen Keyboard-Anschluss, dieser befand sich jedoch allerdings weit oben im zugigen und schwer zugägnlichen Glockenturm. Die Funkverbindung schafft nun Abhilfe und ermöglicht eine problemlose Live-Bedienung der 23 Glocken. Auf einer einfach gestalteten Bedienfläche können 100 eingespeicherte Lieder ausgewählt werden - übrigens nicht etwa nur Landeshymnen, sondern zum Beispiel auch Stücke von Passauer Komponisten, Volkslieder, Weihnachtslieder und Kinderlieder wie „Hänschen klein“ oder „Fuchs, du hast die Gans gestohlen“. Der Glockenturm ist damit Bayerns größtes Live-Instrument.

Spielzeiten des Glockenspiels sind täglich um 10:30 Uhr, 14:00 Uhr und 15:30 Uhr. Im November 2015 wurde eine vierte Spielzeit 17:30 Uhr gestrichen, damit Sitzungen des Stadtrates nicht gestört werden.

Weitere Bilder

Literatur