Paul Kestel

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Dr. Paul Kestel (rechts) in Schwellhäusl

Dr. Paul Kestel (* 8. November 1931 in Amberg, Oberpfalz) ist ein Naturwissenschaftler sowie ehemaliger Lehrer und Politiker.

Leben und Wirken

Kestel besuchte von 1938 bis 1942 die Volksschule in Amberg und bis 1951 das dortige Humanistische Gymnasium. Nach dem Abitur studierte er an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Regensburg für das Lehramt an Höheren Schulen in den Fächern Chemie, Biologie und Geographie. 1952 setzte er das Studium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München fort. 1957 absolvierte er das 1. Staatsexamen, 1959 das 2. Staatsexamen an der Rupprecht-Oberrealschule in München. Seine Doktorarbeit schrieb er 1961 über Nadelhölzer: Der Anschluss der Blattspuren an das Holz bei den Koniferen (unter Anleitung von Prof. Dr. Karl Mägdefrau gefertigt).

Das Refendariat führte ihn zu Schulen in München und Münchberg (Oberfranken), wo er seine erste Stelle als Lehrer antrat. Kestel unterrichtete anschließend von 1964 bis 1969 an der deutschen Schule in Barcelona. Er heiratete seine Frau Adelgunde, und die ersten drei der fünf gemeinsamen Kinder kamen in Barcelona zur Welt. Nach fünf Jahren in Spanien wollte das Paar zurück nach Deutschland und entschied sich für den Bayerischen Wald. In Zwieslerwaldhaus kaufte die junge Familie ein Haus, das sie fortab bewohnte.

Am 1. Dezember 1969 trat Dr. Kestel seinen Dienst am Gymnasium Zwiesel an. 1972 übernahm er den Vorsitz des Wasserbeschaffungsverbandes Zwieslerwaldhaus, den er bis 2010 innehatte. Auch bei der Gründung des Vereins „Förderung des Skiwanderzentrums Zwieslerwaldhaus“ war er von Anfang an dabei und trug als 1. Vorsitzender bis 1979 wesentlich zu einer umweltschonenden touristischen Erschließung des Landkreises Regen bei. Darüber hinaus engagierte er sich seit 1981 als Mitglied im Beirat des Katholischen Kreisbildungswerkes Regen fünf Jahre lang als Vorsitzender und später als Ehrenvorsitzender. Von 1974 bis 1989 war er Mitglied im Naturschutzbeirat des Landkreises Regen.

Mehr und mehr führte ihn sein naturwissenschaftliches Engagement über den Schuldienst hinaus. Mit seinen Schülern identifizierte er angesichts des in den 1980er Jahren aufkommenden Waldsterbens, für das zunächst ein ominöses Bakterium verantwortlich gemacht wurde, als Ursache Schwefeldioxid, das vor allem bei der Verbrennung von schwefelhaltigen fossilen Brennstoffen wie Kohle oder Erdölprodukten entsteht.

Der Verkauf eines Steinbruchs bei Patersdorf führte zu Kestels erstem politischen Engagement. Das Landratsamt des Landkreises Regen erteilte dem neuen Besitzer des Steinbruchs die Erlaubnis, in noch tieferen Schichten Granit abzubauen. Der betroffene Waldbauer fürchtete um seinen Besitz, weil den umliegenden Wäldern dadurch Wasser entzogen werde. Kestel äußerte in einem Interview des Bayerischen Rundfunks, dass es im Landkreis Regen anscheinend Menschen gebe, die sich über das Gesetz hinwegsetzen dürfen. Diese Aussage brachte ihm eine Anzeige des damaligen Landrats Helmut Feuchtinger (CSU) ein. Es wurde auch die Frage gestellt, ob so jemand für den Schuldienst noch tragbar sei. Das Gericht in Deggendorf befand jedoch, dass ihm diese Meinungsäußerung zustehe.

Unter anderem dieses Ereignis hatte zur Folge, dass die Grünen auf den an und für sich konservativen Kestel zukamen und ihn fragten, ob er als Umweltschützer nicht am Aufbau der Grünen in Bayern mitwirken wolle. Bei einem Treffen in einem Wirtshaus in Landshut kam er zu dem Ergebnis, „dass die Leute zu ihren Themen wirklich etwas zu sagen hatten.“ So schloss er sich den Grünen an, ohne seine konservativen Überzeugungen aufzugeben.

Mit weiteren Engagierten baute er sodann den Kreisverband der Grünen im Landkreis Regen auf. Bei den Landratswahlen trat er als einziger Kandidat gegen Feuchtinger an und erzielte einen beeindruckenden Achtungserfolg. Wäre es allein nach den Wählern des Altlandkreises Regen gegangen, wäre er tatsächlich Landrat geworden.

Von 1984 bis 2002 war er Mitglied des Kreistages Regen. Während dieser Zeit führte er die Grünen auch als Kreisvorsitzender. Als die Grünen 1986 zum ersten Mal in den Bayerischen Landtag gewählt wurden, zog Kestel als einer von deren 15 Abgeordneten in den Landtag ein. Durch sein seriöses Auftreten und Erscheinungsbild trug er einiges zur Korrektur des damals noch verbreiteten Grünen-Klischees bei. Dennoch stand er entschieden hinter der Ablehnung der Atomkraft. An den Aufmarsch der Sicherheitskräfte gegen die Demonstranten in Wackersdorf erinnert er sich bis heute mit Schrecken. Die damalige Politik von Ministerpräsident Franz Josef Strauß sei unmenschlich gewesen, und der SPD stellt Kestel kein besseres Zeugnis aus.

Nach dem Reaktorunglück von Tschernobyl im Jahr 1986 hielt Kestel zahlreiche Vorträge, um den verunsicherten Menschen zu erklären, was überhaupt passiert war und was das Unglück für ihr Leben bedeutete. Als einer der ersten Menschen im Bayerischen Wald stellte er sich einen Solar-Kollektor in den Garten.

1990 endete Kestels Landtagsmandat, 1994 wurde er als Lehrer pensioniert. Auch bei den Grünen ist er nicht mehr Mitglied. Zum einen wolle er sich jetzt mit 80 Jahren aus der Öffentlichkeit zurückziehen, zum anderen störe ihn die Intoleranz in der Partei, zum Beispiel was die katholische Kirche angeht.

Auszeichnungen

Literatur

Weblinks