Nibelungenhalle

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Blick auf die Nibelungenhalle. (Foto: Jäger)
Beim Abriss der Halle. (Foto:Holzapfel)
Bus vor der Nibelungenhalle in den frühen 1990er Jahren
Die Nibelungenhalle im Jahr 1935.

Die Nibelungenhalle (oder kurz Niha) war eine Veranstaltungshalle am kleinen Exerzierplatz im Zentrum Passaus. Sie erlangte vor allem durch die seit 1975 hier stattfindenden Politischen Aschermittwoche der CSU einen deutschlandweiten Bekanntheitsgrad. Außerdem beherbergte sie die Passauer Dult und den Christkindlmarkt. Sie wurde 2004 abgerissen und durch die Dreiländerhalle in Kohlbruck ersetzt.

Geschichte

Anfangsphase

Bereits unmittelbar nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten verfolgte auch der neue, nationalsozialistische Passauer Oberbürgermeister Max Moosbauer den Plan, Passau zu einer „Kongress-Stadt ersten Ranges“ zu machen. Ihm schwebte eine Halle vor, die Veranstaltungen großen Stils ermöglichte – abgesehen von Sportfesten, Tagungen und Konzerten wohl natürlich Darbietungen und Kundgebungen nationalsozialistischer Art. Schon am 14. November 1933 gab Moosbauer die Pläne zum Bau einer großen Stadthalle bekannt.

Die Standortfrage war schnell geklärt, war doch das Gelände des 1927 vom Freistaat Bayern gepachteten Kleinen Exerzierplatzes aufgrund seiner zentralen Lage mehr als ideal. Mit dem Bau des „größten Kult- und Zweckbaus der Bayerischen Ostmark“ wurde der Architekt Karl Kieffer beauftragt, der die Halle aber auch als Prunkbau realisieren wollte. Die Baukosten wurden vor allem durch zahlreiche Geld- und Sachspenden gedeckt und lagen am Ende bei 1,6 Millionen Reichsmark. Bereits am 27. April 1934 folgte die Grundsteinlegung der „Ostmarkhalle“.

Architekt Karl Kieffer zufolge, dessen Planung übrigens nur als „Sparlösung“ umgesetzt wurde und der nach dem Krieg viel ungerechte Kritik deswegen einstecken musste, sollte die Halle als Versammlungsort für Tagungen, Kundgebungen, Konzerte, Bühnenspiele und Sportveranstaltungen dienen und 8.000 bis 10.000 Menschen aufnehmen können.

Namensfindung

Bei der Grundsteinlegung betonte NS-Gauleiter Hans Schemm jedoch, warum diese Halle einen anderen Namen tragen sollte und weswegen sie dann letztendlich auch bis zu ihrem Abriss „Nibelungenhalle“ hieß: „Nicht umsonst soll der Name dieser Halle Nibelungenhalle lauten, als Erinnerung an Passaus große Zeit. Wie dieser Bau fest in die Heimaterde verwachsen sein wird, aus dem Granit und dem Holz des Bayerischen Waldes erbaut, und hinaufzeigen wird zum Himmel, so soll diese Symbolik uns hinführen zu unseren höchsten Idealen: Blut und Boden und Gott.“

Bau

Oberbürgermeister Max Moosbauer trieb den Bau „unter Zurückstellung nicht mehr zeitgemäßer finanzieller Bedenken“[1] rasch voran. Am 15. Mai 1934 führte er den ersten Spatenstich aus, obwohl keine Erlaubnis des Grundeigentümers, des Landes Bayern, vorlag. Schon am 4. Februar 1935 feierte man das Richtfest.

Das 46 Meter breite, 126 Meter lange und 20 Meter hohe Gebäude wurde im Keller und im Erdgeschoss in Beton, Eisenbeton und Ziegelmauerwerk, vom Galeriegeschoss aufwärts in einer feuerfest umkleideten Holzkonstruktion errichtet. Die Spezialfirma Kübler aus Stuttgart erstellte das im Halleninneren sichtbare Holztragwerk. Der Kleine Exerzierplatz vor der Halle konnte als Aufmarschplatz für 30.000 Menschen genutzt werden.

Nach nur einjähriger Bauzeit wurde die nunmehrige „Nibelungenhalle“ 1935 ihrer Bestimmung übergeben. Die erste Veranstaltung war ein Eisenbahnertreffen der Direktionen München und Regensburg am 26. Mai 1935. Dabei sollte die Einweihung der Nibelungenhalle am 13. Juli 1935 stattfinden – diese musste aber abgesagt werden, weil wohl im März Hans Schemm tödlich verunglückt war und weil Propagandaminister Dr. Joseph Goebbels für den ganzen Juli wegen Erntearbeiten eine Veranstaltungssperre erlassen hatte. Ein neuer Einweihungstermin kam in der Folge nicht mehr zustande. Am 31. August 1935 hielt die NSDAP zur Eröffnung eine Großveranstaltung ab.

Noch am 27. Mai 1935, als das Gebäude schon stand, versicherte Moosbauer gegenüber Ministerpräsident Siebert, wie dieser in einer Aktennotiz festhielt, dass die Halle nicht mehr als 750.000 RM kosten werde. Am 27. September 1935 gab Moosbauer im Stadtrat die tatsächlichen Kosten von 1,47 Millionen RM bekannt. Doch Siebert ließ Moosbauer nicht im Stich, sondern vermittelte drei großzügige Darlehen in Höhe von zusammen 1,28 Millionen RM, womit die Finanzierung der fertigen Halle nachträglich gesichert wurde. Erst 1943 stimmte das Staatsministerium der Finanzen zu, den Kleinen Exerzierplatz, auf dem die Halle illegal errichtet worden war, der Stadt abzutreten. Für die pachtwidrige Nutzung seit 1935 hatte die Stadt rückwirkend einen Zuschlag von nur 50 RM pro Jahr, insgesamt 450 RM zu zahlen. Der Bau der Nibelungenhalle ist damit ein typisches Beispiel für die Entmachtung der kommunalen Verwaltung in der Zeit des Nationalsozialismus.

Zunächst beherrschten Partei- und Wehrmachtsveranstaltungen das Bild. Während des Krieges diente die Nibelungenhalle als Getreidelager, Feldpostsammelstelle, Schulraum und schließlich als Flüchtlingslager.

Aufführungen des „Holledauer Fidel“

Zu einem besonders spektakulären Ereignis wurden die Aufführungen der populären niederbayerischen Operette „Der Holledauer Fidel“ von Erhard Kutschenreuter am 19. und 20. November 1938 unter der Leitung des Komponisten aus Anlass der 3000. Aufführung dieser Operette. Etwa 400 Akteure waren daran beteiligt – im dritten Akt zog ein gewaltiger Trachtenfestzug mit 270 Teilnehmern quer durch die Halle zur Bühne und allein das Orchester umfasste 70 Musiker. Mehr als 8.000 Besucher wurden gezählt.

Nachkriegsära

Ihren heutigen Bekanntheitsgrad erlangte die Nibelungenhalle aber erst Jahre nach dem Krieg. Im September 1948 fand in der Halle ein Freistil-Frauenringen statt, zwei Wochen später präsentierte das Tegernseer Bauerntheater die Komödie Das Sündennest im Paradies von Michael Vitus. Eine weitere Nutzung erfuhr die Halle in der frühen Nachkriegszeit durch Freizeitaktivitäten der amerikanischen Besatzer. 1950 tagte in der Nibelungenhalle die Festversammlung des 74. Katholikentages. Weitere Veranstaltungen, die hier über die Bühne gingen, waren Boxkämpfe, Märkte, Messen, Konzert- und Opernaufführungen, Gottesdienste und Christkindlmärkte. 1956 wurden zahlreiche Flüchtlinge aus Ungarn und 1989 Ausreisewillige aus der DDR untergebracht. Außerdem machte sich die Halle wegen der renommierten Kulturveranstaltungen der Europäischen Wochen einen Namen.

Seit 1975 fand hier jedes Jahr der Politische Aschermittwoch der CSU mit Auftritten von Franz Josef Strauß statt. Das bewirkte aber auch, dass Passau bundesweit den Stempel einer muffigen, von Klerus und CSU beherrschten Spießerstadt aufgedrückt bekam. Eher zweifelhafte „Berühmtheit“ erlangte die Halle auch durch die regelmäßigen Treffen der rechtsextremen NPD und DVU. Letztere wählte erstmals 1983 die Nibelungenhalle für ihre jährlichen Kundgebungen. Der Stadt Passau, die sich durch diese Veranstaltungen den Ruf einer nicht nur „schwarzen“, sondern sogar „braunen Stadt“ einbrachte, waren die Hände gebunden, denn ein gerichtliches Verbot dieser rechtsextremen Kundgebungen scheiterte mit der Begründung, jeder Partei müsse die Nutzung der Halle gestattet werden. Dagegen halfen auch zahlreiche Proteste seitens der Gewerkschaften, der anderen Parteien sowie Tausender Passauer Bürger wenig.

Erst die gestiegenen Mieten (die im Jahr 2000 dann zum Teil an Opfer rechter Gewalt gespendet wurden) und die Weigerung des Restaurantpächters, die rechtsextremen Parteien zu bewirten brachten schließlich die Entscheidung. 2000 fand die letzte Veranstaltung der NPD in der Nibelungenhalle statt, im Jahr darauf verabschiedete sich auch die DVU. Zu diesem Zeitpunkt stand der Abriss der Halle jedoch ohnehin bereits fest.

Abriss

Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege bestätigte in seiner Stellungnahme, dass die Nibelungenhalle nicht in die Denkmalliste aufgenommen werden könne. Das liege vor allem an den erheblichen Eingriffen und Veränderungen, die das Bauwerk in den siebzig Jahren seines Bestehens erlitten habe.

Die letzten Jahre der Nibelungenhalle – von 2002 bis zu ihrem Abriss – wurden vom Passauer Fotografen Rudolf Klaffenböck dokumentiert. Seine Fotoserie wurde vom 20. Dezember 2005 bis zum 5. März 2006 unter dem Namen „Nibelungenhalle – Räume der Erinnerung“ im Museum Moderner Kunst ausgestellt.

Am 10. Februar 2004 wurde mit dem Abriss der Nibelungenhalle, die nach über 70 Jahren auch bereits bauliche Mängel aufwies und deren Technik veraltet war, begonnen. Nachfolger der Niha als Veranstaltungshalle der Stadt ist die Dreiländerhalle. Auf dem kleinen Exerzierplatz entstand in der Folge die „Passauer Neue Mitte“.

Nachwirkungen

Andauernde Präsenz

Im August 2008 stellte man fest, dass die Nibelungenhalle trotz des Abrisses immer noch in gewisser Weise „präsent“ in Passau war: und zwar auf Luftaufnahmen von Google Earth. Darauf war noch die Zeit vor Baubeginn der Neuen Mitte zu sehen, also das bach liegende Lokschuppenareal, die Rathgeber-Zeile, den grauen Exerzierplatz als Parkfläche und natürlich die alte Nibelungenhalle. Es gab zu diesem Zeitpunkt noch nicht die geringste Spur vom Stadtturm, vom Klostergarten oder gar von der Stadtgalerie. Demzufolge mussten die Aufnahmen mindestens fünf Jahre zuvor gemacht worden sein, denn mit dem Abriss der Halle wurde im Februar 2004 begonnen – und Google Earth zeigte die Stadt mitten im Sommer.
Bereits im Juli 2008 war bekannt geworden, dass die Nibelungenhalle auch an der übergroßen Touristen- bzw. Infotafel an der Ortspitze, die eine Stadtansicht Passaus zeigte, nach wie vor zu sehen war. Laut Rathausvertretern war es zu dieser Zeit aber zu teuer, eine Luftaufnahme vom neuen Stadtbild machen zu lassen. Man wollte abwarten, bis der letzte Baukran verschwunden war.

Niha auf dem Sperrmüll?

Die Ausstellung „Nibelungenhalle – Räume der Erinnerung“ von Rudolf Klaffenböck sorgte gegen Ende 2005 für ein bundesweites Medienecho. Nun sollen die in der Ausstellung zu sehenden Originalstücke der Halle auf dem Sperrmüll landen. Die Objekte befinden sich zwar nach wie vor im Besitz Klaffenböcks (sie lagern seit Ende der Ausstellung in einer Pockinger Halle), doch keiner zeigt Interesse daran und der Künstler will die Mietkosten für die Lagerung nicht mehr länger finanzieren. Noch im Herbst des Jahres wolle er die Ausstellung auf den Sperrmüll bringen, sollte sich kein Käufer finden.

Daraufhin forderte Stadtrat Sebastian Frankenberger per Antrag, dass die Stadt Passau die Niha-Ausstellung von Rudi Klaffenböck kaufen solle. Kostenpunkt: 30.000 Euro. Laut Frankenbegrer sind die Objekte ein einmaliges Zeitdokument, das die Stadt unbedingt erhalten sollte. Seiner Ansicht nach könnten die Exponate als erster Baustein einer zeitgeschichtlichen Ausstellung im Museum auf der Veste Oberhaus verwendet werden. Gemeinsam mit den Teilen der alten Nibelungenhalle könnte man auch Räume von Hans Carossa und Emerenz Meier oder diverse Dokumentation über Passau seit 1945 aufnehmen – und damit das Oberhausmuseum noch ansprechender gestalten.

Am 2. Oktober einigte sich der Kulturausschuss einstimmig darauf, den Erhalt der Niha-Ausstellung mit bis zu 3.000 Euro bezuschussen zu wollen. Der ursprünglich beantragte Ankauf wurde verworfen. Von Dagmar Plenk wurde auch ein Förderverein ins Gespräch gebracht, der zur langfristigen Bewahrung der Ausstellung ins Leben gerufen werden könnte.

Auftritte

In der Nibelungenhalle sind zahlreiche bekannte Persönlichkeiten aufgetreten, unter anderem:

Literatur

  • Sebastian Daiminger: Echt peinlich: An der Ortsspitze gibt es die „Niha“ immer noch! In: Am Sonntag vom 13. Juli 2008 (S. 7)
  • Martin Reitmeier: Bei „Google Earth“ steht die Nibelungenhalle immer noch! In: Passauer Woche vom 6. August 2008 (S. 21)
  • Stefan Brandl: Bringt ein Stück Passau nach Hause. In: Passauer Woche vom 3. September 2008 (S. 2)
  • Martin Reitmeier: Kein Witz: Stadt Passau soll die Nibelungenhalle kaufen! In: Passauer Woche vom 3. September 2008 (S. 4)
  • Christian Karl: Stadt bezuschusst Erhalt der „Niha-Ausstellung“. In: Passauer Neue Presse vom 3. Oktober 2008 (S. 43)
  • Wolfgang Lampelsdorfer: Der Nibelungenhalle ein Denkmal gesetzt. In: Passauer Neue Presse vom 5. Juni 2010 (S. 29)
  • Andrea Bogensperger: Zeitreise: Pläne für Nibelungenhalle vorgelegt. Bericht auf lokalnews.de vom 14. November 2011
  • PNP: Passauer Ansichten: Der Exerzierplatz im Wandel der Zeit. In: Passauer Neue Presse vom 28. Juni 2013 (S. 23)
  • Egon Johannes Greipl/Ludger Drost: Stadtgeschichte und Stadtgestalt. In: Denkmäler in Bayern, Band II.25 Kreisfreie Stadt Passau. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2014, ISBN 978-3-7917-2552-9
  • Maximilian Lanzinger: Zum Bau der Nibelungenhalle. In: Winfried Becker (Hg.): Passau in der Zeit des Nationalsozialismus, Universitätsverlag Passau 1999, ISBN 3-86036-031-0

Einzelnachweise

  1. Maximilian Lanzinger: Zum Bau der Nibelungenhalle. In: Passau in der Zeit des Nationalsozialismus (S. 308, Moosbauer-Manuskript 1943)

Weblinks