Helmut Erwert

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Helmut Erwert zu Besuch im Stadtpark seines Geburtsorts Weißkirchen/Bela Crkva.

Helmut Erwert (* 11. August 1933) ist ein deutscher Gymnasiallehrer, der an bayerischen, US-amerikanischen und spanischen Sekundarschulen gewirkt hat. Als Sprach-, Literatur- und Geschichtsforscher ist er Autor und Mitautor mehrerer Lehr- und Sachbücher und hat Standardwerke zur Zeitgeschichte seiner Region veröffentlicht. Darüber hinaus ist Erwert freier Mitarbeiter von Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen sowie Instituten, verfasst belletristische Texte und referiert über seine Spezialgebiete. Er lebt heute in Bogen in Niederbayern.

Leben und Wirken

Studium und Karriere

In eine deutsche Kaufmannsfamilie hineingeboren, lebte Helmut Erwert bis zu seinem elften Lebensjahr in dem vom Habsburger Kaiserreich besiedelten mehrkulturellen Banat, das seit 1918 dem Königreich Jugoslawien zugeschlagen wurde. Nach Flucht und Internierung landete er 1945 in der bayerischen Stadt Cham, legte dort das Abitur ab und studierte Germanistik, Anglistik und Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Seit seiner Kindheit mit mehrsprachigen Gesellschaften vertraut, hat Erwert im bayerischen Staatsdienst sein Interesse für Sprachvermittlung im Unterricht und als Autor und Mitautor zahlreicher Lehrbücher für Deutsch in der Sekundarstufe II verwirklicht, die nahezu in allen deutschen Bundesländern genehmigt wurden. 1966 gewann er ein US-Fulbright-Reisestipendium nach Amerika, unterrichtete Deutsch als Fremdsprache an einer Senior Highschool auf Long Island, New York, und wurde vertraut mit modernen Sprachlehrmethoden. Diese Erfahrung nutzte er Jahre später als Projektleiter für die Erprobungsphase des „bachillerato mixto“ am Colegio Aleman (Deutsche Schule) im spanischen Barcelona. Anschließend wurde er vom Bundesverwaltungsamt der BRD in Köln als Leiter des Deutschen Kulturinstituts Zagreb nominiert.

Wirken als Autor

Angesichts seiner Erlebnisse tiefer politischer Umbrüche in der Kindheit – darunter der Verlust der Geburtsheimat sowie die Liquidierung seines kriegsgefangenen Vaters – beschäftigte Erwert die Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten der eigenen Identität. Er engagierte sich in der Erforschung und Vermittlung südostdeutscher Geschichte und Literatur, publizierte zahlreiche Beiträge, hielt viele Referate zu dieser Thematik, lieferte Diskussionsbeiträge bei Tagungen und schrieb belletristische Texte, die seine biografischen Erlebnisse verarbeiten.

Erforschung der Heimatgeschichte

Gegen Ende seiner aktiven Dienstzeit zog Erwert mit Frau und Sohn von der Stadt Straubing nach Bogen, wo er sich als Studiendirektor i. R. intensiv in die Geschichte und Zeitgeschichte seiner Neuheimat Straubing-Bogen einarbeitete. Als einstmals heimatlose Kriegswaise war es ihm ein Anliegen, seine Dankbarkeit gegenüber der bayerischen Gesellschaft zu zeigen, die ihm eine neue Beheimatung ermöglicht hat. Er arbeitete in bayerischen Archiven, besorgte sich Hunderte Kopien von Dokumenten und Fotos aus den Beständen der National Archives Washington D. C./College Park, hielt die Erlebnisse geflüchteter und einheimisch-bayerischer sowie amerikanischer Zeitzeugen in Interviews fest und sammelte Erkenntnisse aus allen verfügbaren regionalen Ortsmonographien. Nach jahrelanger Recherche publizierte er aus diesem reichhaltigen Quellenmaterial und der vorhandenen Literatur viele Beiträge in Zeitungen, Zeitschriften bzw. Sammelwerken, schrieb kürzere Monographien und umfassende Bücher. In zwei Jahrzehnten sind mehr als 200 Titel in über 1.500 gedruckten Seiten zur regionalen Zeitgeschichte von Straubing-Bogen entstanden, darunter zwei umfangreiche wissenschaftliche Standardwerke zur Endkriegszeit 1945 und zum Neuaufbau der Region Straubing-Bogen (Feuersturm, Zigarettenwährung und Demokratie, Straubing 1997; Niederbayerische Erfolgsgeschichten, Straubing 2000).

Als Kenner der regionalen Zeitgeschichte hielt Erwert zahlreiche Vorträge in seinem Lebensumfeld, aber auch in Straubings irischer Partnerstadt Tuam, wirkte bei dänischen, US-amerikanischen und deutschen Doku-Filmen mit, die zum Teil auf vielen deutschen Fernsehkanälen liefen. Seine anschaulich dokumentierten Ausschnitte der deutschen Nationalgeschichte in seinen Geschichtswerken haben ihren Weg in viele deutsche Universitätsbibliotheken, sogar in die bedeutenden internationalen Bibliotheken der Library of Congress, Washington D. C., der Yale University und der Harvard University gefunden.

Am 14. Dezember 2015 wurde ihm für sein Wirken im Landkreis Straubing-Bogen die Josef-Schlicht-Medaille in Gold mit Ehrenurkunde verliehen – die höchste kulturelle Auszeichnung des Kreistags Straubing-Bogen. Die Laudatio hielt Josef Zellmeier, die Verleihung erfolgte durch Landrat Josef Laumer.

Gesellschaftliches Engagement

Als Mitglied und Funktionsträger in Vereinen (etwa als Vizevorsitzender seiner Heimatortsgemeinschaft „Weißkirchen“ oder als Beirat und Sprecher anderer Gremien), engagiert sich Erwert nicht nur in Schriften und Referaten, sondern auch im gesellschaftlich-politischen Diskurs und sucht einen versöhnlichen Brückenschlag zu seinem Geburtsort Weißkirchen/Bela Crkva in der heute serbischen Vojvodina. Um seine Herkunft nicht zu verdrängen, aber doch notwendigerweise sich neu zu verwurzeln, versucht er in seinen Texten und Reden das Leben in der unvergessenen, aber verlorenen Geburtsheimat des westlichen Banats festzuhalten sowie über den politischen und wirtschaftlichen Neubeginn seiner bayerischen Neuheimat zu reflektieren. Hier arbeitet ein deutscher Vertriebener an der Identität seiner Herkunftsregion, gestaltet gleichzeitig das Geschichtsbild seiner Neuheimat mit. Insgesamt beläuft sich der Umfang von Erwerts Gesamtpublikation auf etwa 3.200 DIN-A4-Textseiten Endredaktion, die öffentlichen Vorträge und Lesungen in Bayern, in Bonn, Berlin, Serbien und Irland belaufen sich auf insgesamt etwa 115 Veranstaltungen.

Publikationen (Auswahl)

  • Kleine Münzgeschichte Aulendorfs und der Grafen von Königsegg-Aulendorf. 32 Seiten, 33 Abbildungen, Aulendorf 1977
  • Sprache und Text. Ein Lehr- und Arbeitsbuch für den Deutschunterricht der Sekundarstufe II. 286 Seiten, 44 Abbildungen, Bad Homburg v. d. H., 6 Auflagen, 6. Auflage 1994. (Koautoren: Karl-Josef Weiß, Manfred Burbiel)
  • Literatur einer Zeitenwende. Das Endzeitalter donauschwäbischer Existenz in Südosteuropa im Spiegel seiner literarischen Zeugnisse. In: Ingo Senz: Die Donauschwaben. München 1994 (S. 194-215)
  • Feuersturm, Zigarettenwährung, Demokratie. Der Umbruch 1945-1948 in der Stadt Straubing und in der Region Straubing-Bogen. 317 Seiten, 115 Abbildungen, Straubing 1997, 2. Auflage 1998, [1]
  • Niederbayerische Erfolgsgeschichten. Leitlinien der Industrialisierung und geglückte Existenzgründungen aus Handwerk und Industrie in einer traditionell agrarischen Donauregion. 396 Seiten, 264 Abbildungen, Straubing 2000, [2]
  • Für die Götter wie Fliegen? Das Schicksal einer altbayerischen Stadt zwischen Schonung und Vernichtung. Dargestellt nach den Quellen der US-Archive. 68 Seiten, 37 Abbildungen, Straubing 1998
  • Mit 1000 Fünfzentner-Bomben über Oberalteich nach Bogen. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 102 (2000), 25 Seiten, 13 Abbildungen, Straubing 2001, Sonderdruck
  • Die Zuckerfabrikation „nothwendig mit dem Betriebe einer Landwirtschaft in Verbindung setzen“. Frühester Brückenschlag zwischen Landwirtschaft und Industrie nahe Straubing, der „Region der nachwachsenden Rohstoffe“. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 113 (2011), 27 Seiten, 9 Abbildungen, Straubing 2012, Sonderdruck
  • Der Tod aus der Luft. Fakten zum rätselhaften Absturz eines viermotorigen US-Bombers über dem Bayerischen Wald. In: Mitterfelser Magazin 20/2014, 21 Seiten, 41 Abbildungen, Sonderdruck
  • Die Stadt Straubing in schwerster Notzeit. Zeitenwende 1945. Der tiefste Umbruch in der Stadtgeschichte. 152 Seiten, 29 Abbildungen, Straubing 2016
  • 70 Jahre Demokratie in der Stadt Straubing und im Landkreis Straubing-Bogen. Zwei unterschiedlich realisierte Gedenkreden zu außerordentlichen Jubiläen. In: Jahresbericht des Historischen Vereins für Straubing und Umgebung 118 (2016), 18 Seiten, 10 Abbildungen, Straubing 2017, Sonderdruck
  • Elli oder Die versprengte Zeit. Roman, 344 Seiten, Aachen 2017. Druck in Vorbereitung.

Auszeichnungen

  • Erster Preis beim Literarischen Wettbewerb anlässlich der jährlichen „Tagung der Kulturschaffenden“ im Haus der Donauschwaben, Sindelfingen (1999)
  • Ehrennadel in Silber, TSV 1883 Bogen (2005)
  • Silberne Ehrennadel des Bundes der Vertriebenen Deutschland (2014)
  • Josef-Schlicht-Medaille (2015)

Literatur

  • David Burke: War Comes from the Air. Herr Helmut Erwert - meticulous historian of Straubing. In: The Tuam Herald vom 30.10.1999
  • Anonymus: Straubing in 1945: Turning Point in Its History - Autor Helmut Erwert referiert auf Einladung der Old Tuam Society in der irischen Partnerstadt. In: Straubinger Tagblatt vom 23.10.1999
  • Stefan Teppert (Hg.): Die Erinnerung bleibt. Donauschwäbische Literatur seit 1945. Band 2, Sersheim 2000 (S. 165, 967, 999)
  • Kürschners Deutscher Sachbuch-Kalender. München-Leipzig 2001 (S. 94)
  • Monika Schneider-Stranninger: Helmut Erwert schreibt „Niederbayerische Erfolgsgeschichten“. Ein echtes regionales Geschichtsbuch. In: Straubinger Tagblatt vom 31.01.2001
  • Anonymus: Denn aller guten Dinge sind drei. Gäuboden-aktuell im Gespräch mit Historiker Helmut Erwert. In: Gäuboden-aktuell vom 24.10.2001
  • Vademekum der Geschichtswissenschaften. Stuttgart 2004/2005 (S. 381)
  • Monika Schneider-Stranninger: Im Gespräch mit der Redaktion: Helmut Erwert: „In der Differenzierung liegt die Wahrheit“. In: Straubinger Tagblatt vom 30.04.2005
  • Anonymus: Fragebogen: Helmut Erwert im Interview. In: Straubinger Tagblatt vom 15.09.2012
  • Bernhard Stuhlfelner: Geschichtsschreiber und Geschichtenschreiber: Mit seinen Werken hat Helmut Erwert Großes für die Region geleistet. In: Straubinger Tagblatt vom 10.08.2013
  • Anonymus: Im Vertriebenenbund geht eine Ära zu Ende – Helmut Erwert ausgezeichnet. In: Straubinger Tagblatt vom 22.03.2014
  • Anonymus: Zwei Heimatforscher erhalten Schlicht-Medaille. In: Straubinger Tagblatt vom 15.12.2015

Weblinks