Hellmut Walters

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Hellmut Walters (Foto: Sudetendeutsches Archiv, um 1970)

Dr. Hellmut Walters (* 9. Januar 1930 in Obersekerschan, heute Horní Sekyřany; † 8. Juni 1985 in Passau) war ein deutsch-böhmischer Schriftsteller und Passauer Gymnasiallehrer.

Leben und wirken

Hellmut Walters verbrachte seine Kindheit in Böhmen (bis 1938 Tschechoslowakei, dann eingegliedert in das Deutsche Reich) in einem Umfeld gemischter deutsch- und tschechischsprachiger Bevölkerung. In seiner Erzählung „Vierhändig oder nationale Noten“ errichtete er dieser verlorenen engen Nachbarschaft, dem jahrhundertlangen „Vierhändigspielen“ der deutschen und tschechischen Böhmen ein Denkmal.

Während des Zweiten Weltkriegs besuchte Walters ein Gymnasium in Pilsen. Nach der Befreiung West- und Südböhmens durch amerikanische Truppen 1945 und Rückgliederung in die Tschechoslowakei wurde Walters als Arbeiter in der Landwirtschaft und einem Steinbruch bei Marienbad zwangsverpflichtet. Seine Arbeit in dem Steinbruch beschreibt er in der Erzählung „Die Kokaschitzer Weihnacht“ (1976), die mehrfach aufgelegt wurde. 1946 wurde Walters aus der Tschechoslowakei ausgewiesen. Über Hessen und Schwabach gelangte er schließlich nach Nürnberg, wo er das Realgymnasium besuchte und 1949 seine Reifeprüfung ablegte. Anschließend studierte er Germanistik, Anglistik, Geschichte und Philosophie an Hochschulen in Passau, Tübingen, Marburg und Erlangen. Dort wurde er 1959 mit einer Arbeit über Franz Werfel zum Doktor der Philosophie promoviert.

Walters wikrte anschließend als Gymnasiallehrer für Deutsch und Geschichte in Bamberg und ab 1967 in Passau. Hier war er am 1964 neu errichteten Adalbert-Stifter-Gymnasium tätig. Ehemalige Schüler erinnern ihn als Lehrer, der Interessierte auch für schwierige Literatur begeistern konnte.

Werk

Holzschnitt des Graphikers und Malers Rudl Zuber (1942–2019, wie Walters böhmischer Herkunft) für einen Sonderdruck (1966) der „Kokaschitzer Weihnacht“ von Hellmut Walters

Walters hat Entrechtung und Vertreibung der Deutsch-Böhmen selbst erlebt, er wusste auch von dem gewichtigen Anteil der Deutschen an diesem Schicksal. Aber er verstand es wie kaum ein anderer, von seiner Heimat zu erzählen: Anekdotisches, Schmerzliches und viel Heiteres. In „Boschenkas große Reise“ (1963) gelang es ihm, sogar der Entfremdung der beiden Volksgruppen und schließlich der Abschiebung der Deutschen in Eisenbahngüterwaggons eine heitere Note abzugewinnen.

In seinem Roman „Der Mann ohne Ausweis“ (1969) erweist er sich als böhmischer Schriftsteller wahrhaft Schwejk’scher Art. Seiner ländlich geprägten Heimat bei Heřmanova Huť/Hermannshütte westlich von Pilsen hat er im Gedicht „Sommerabende in Kaplowitz“ (1974) ein literarisches Denkmal gesetzt. In seinen Roman „Dammbruch“ (1979) sind Erfahrungen aus eigenen Ehe- und Vaterschaftsproblemen bedrückend eingeflossen.

Seine Leserschaft hatte Hellmut Walters vor allem in den Kreisen der aus Böhmen und Mähren Vertriebenen Deutschen (den Sudetendeutschen). Nach seinem Tod erlahmte das Interesse. 2012 wurde er durch eine Lesung im Rahmen des LiteraturFreitags im Freilichtmuseum Massing in Erinnerung gerufen. Auf hölzernen Tafeln, sogenannten Literaturmarterln, waren im Freigelände des Museums eine Saison lang fünf Gedichte präsentiert, u.a. „Die böhmische Linde“.

Mitgliedschaften und Auszeichnungen

Im Nachspann des Heftes mit der späten Erzählung „Das wiederhergestellte Unglück“ (1984) ist aufgeführt: Mitglied der Europäischen Autorenvereinigung DIE KOGGE, der Eßlinger Künstlergilde, des PEN-Clubs, der Regensburger Schriftstellergruppe“. An Auszeichnungen sind dort genannt: Andreas-Gryphius-Förderpreis 1968 und (mehrfach) Erzählpreis des Ostdeutschen Kulturrates 1975, 1978 und 1980.

Werkbeispiel

Sommerabende in Kaplowitz

Staub aufrührend die Fuhren,
holprige Wege rumpelnd,
durch Torbogen, gekalkte,
schwankendes Weizengold,
in die Scheune geschichtet
noch im Laternenlicht.

Von Füllen gefolgt und Hunden
die Pferde in die Schwemme,
im Schritt ins schwarze
Radbusa-Wasser, prustende
Nüstern, Finger in die Mähnen
gekrallt, schwimmend im Kreis,
und ruhig über den Ebenen
und voll der Mond.

Auf den Steinen nachher,
vor den Höfen, den Kaluppen,
auf den wuchtigen Blöcken,
die waren blankgescheuert
von Alten, von Kindern,
seit man denken konnte,
die hatten Sonne gespeichert
einen Tag, einen Sommer lang,
warm hockte sich’s dort,
tief in die Nacht hinein,
und immer zäher von Lippen,
die sind rissig und spröd,
tropfen die Worte,
Pantoffeln klappern, ein Eimer,
ein Hund schlägt an.

Und ruhig über den Ebenen
und voll der Mond.

(aus: Farben und Fraktur, 1973)

Literatur

Weblinks