Hans Carossa

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Hans Carossa

Hans Carossa, Dr. med., Dr. phil. h.c. (* 15. Dezember 1878 in Tölz; † 12. September 1956 in Passau-Rittsteig) war ein deutscher Arzt, Dichter und Schriftsteller.

Leben und Wirken

Kindheit, Jugend & Studium

Hans Carossa wird in Tölz (dem heutigen Bad Tölz) als Sohn des Medizinstudenten Karl Carossa, welcher sich später als Arzt auf Lungenkrankheiten spezialisiert, und der Lehrerin Maria Voggenreiter geboren. Da sein Vater bei seiner Geburt noch Student ist, heiraten seine Eltern erst 1883. Der junge Carossa wird gelegentlich bei Pflegeeltern untergebracht. 1890 erbte seine Mutter ein Landhaus in Seestetten, weshalb es die Familie Carossa später ins Passauer Land verschlug.

Auf Wunsch der Eltern studiert Carossa Medizin in München, wo Kontakte mit den Dichtergruppen um Rainer Maria Rilke und Frank Wedekind entstehen. Bereits ein Jahr nach seinem Studienabschluss mit einer Promotion zum Doktor der Medizin 1903, übernimmt Carossa 1904 die Praxis seines Vaters in Passau.

Anfänge als Dichter

Er und seine Verlobte Valerie Endlicher werden 1906 Eltern des Jungen Hans Wilhelm (erst ein Jahr darauf heiraten Carossa und Endlicher). Im selben Jahr schickt er selbstverfasste Gedichte an Richard Dehmel, über welchen er Kontakt zu Hugo von Hofmannsthal erlangte. Hofmannsthal vermittelte ihn weiter an den Insel-Verlag, welcher 1910 schließlich Carossas Erstlingswerk „Gesammelte Gedichte“ herausgab.

1913 erschien Carossas erstes Prosastück „Dr. Bürgers Ende“. In Form von Tagebuchaufzeichnungen wird von Doktor Bürger erzählt, der sich in seine tuberkulosekranke Patientin verliebt, welche an ihrer Krankheit trotz Bürgers starker Bemühungen stirbt. Im Anschluss nimmt sich Bürger das Leben. In diesem Werk setzte er seiner Frau Valerie durch die Figur Hanna Cornet ein literarisches Denkmal. Da die Handlung von immenser Tragik geprägt ist, nennt man das Stück auch „Carossas Werther“.

Carossa wird 1914 als Arzt in München sesshaft und bleibt weiterhin Schriftsteller.

Erster Weltkrieg und Wirken in München

An der Ost- und an der Westfront wird er 1916 bis 1918 als Bataillonsarzt eingesetzt. Gegen Ende des ersten Weltkriegs wird Carossa in Frankreich schwer verletzt und nach Kriegsende vom Militärdienst entlassen.

Seine Autobiographie „Eine Kindheit“ erscheint 1922. Zwei Jahre später folgt die Veröffentlichung des „Rumänischen Tagebuchs“, in welchem Carossa das Erlebte als Bataillonsarzt an der Ostfront verarbeitet. Er beschreibt den Krieg als verhängnisvoll, jedoch mit verborgenem Sinn. Trotz seiner hautnahen und grausamen Kriegserfahrungen stellt Carossa den Krieg als solchen nie in Frage. Weitere vier Jahre vergehen, bis Carossa im Jahre 1928 „Verwandlungen einer Jugend“, seine zweite autobiographische Erzählung, veröffentlicht, was ihm den Dichterpreis der Stadt München beschert.

Freier Schriftsteller

Carossa gibt 1929 seine Praxis auf und arbeitet fortan als freier Schriftsteller. Der Roman „Der Arzt Gion“ erscheint 1931. Wie in „Bürgers Ende“ zuvor, steht auch hier ein Arzt im Mittelpunkt. Eine Begegnung mit einer sterbenskranken Frau zieht eine tiefgreifende persönliche Veränderung seiner Nachbarin nach sich, in welche er sich dann verliebt. Carossa wird mit dem Gottfried-Keller-Preis ausgezeichnet.

Nach der Machtübernahme der Nazis 1933 hat der international bekannte Carossa anders als die meisten Schriftsteller den Mut, in Deutschland zu bleiben. Wie Erich Kästner begibt er sich in die innere Emigration. Trotzdem hält er nach wie vor den Kontakt mit Auswanderern wie Thomas Mann, welcher später Carossas Gesamtwerk lobt.

Im Dritten Reich

Da die Nationalsozialisten die „Preußische Akademie für Sprache und Dichtung“ übernommen und in „Deutsche Akademie für Dichtung“ umbenannt haben, lehnt Carossa seine Berufung in eben diese ab. Wegen seines internationalen Ruhms versuchen die Nazis immer wieder, Carossa zu einem Propagandawerkzeug zu machen, doch dieser weiß sich zu helfen. Da er Deutschland nicht verlässt, wird ihm später unterstellt Mitläufer gewesen zu sein.

Carossas Roman „Geheimnisse des reifen Alters“ erscheint 1936. Im Jahr 1938 erhält er den Frankfurter Goethe-Preis, wodurch auch im Ausland sein Ansehen steigt. Ein Jahr später wird Carossa in Italien mit dem San Remo-Preis ausgezeichnet.

Carossas dritte Autobiographie „Das Jahr der schönen Täuschungen“ erscheint 1941. Im selben Jahr stirbt seine Frau Valerie und im Oktober akzeptiert er unter dem Druck der Nazis seine Ernennung zum Präsidenten der nationalsozialistisch geprägten „Europäischen Schriftstellervereinigung“ in Weimar. Bis zum Ende der Vereinigung 1943 wegen vorgegebenermaßen kriegsbedingter Gründe erscheint Carossa zu keiner einzigen Tagung.

Seine Rolle im Dritten Reich ist jedoch bis heute vielfach diskutiert. Unter anderem durch seine politischen Eingeständnisse, wie eine Lesung vor der Hitlerjugend 1934 oder den Besuch des Reichsparteitages der NSDAP. Auf der anderen Seite setzt sich Carossa für Verfolgte und in Not geratene Kollegen ein und appelliert an den Passauer Oberbürgermeister, die Stadt in den letzten Tagen des Krieges kampflos aufzugeben. Während einer Rede vor der Goethe-Gesellschaft in Weimar 1938 hat Carossa sich zu einem „Reich des Geistes und Herzens“ bekannt, nicht zu einem Führerstaat und der Eroberung anderer Länder.

Carossa heiratet 1943 Hedwig Kerber, welche er 1927 kennenlernte und mit welcher er zu jenem Zeitpunkt eine 13-jährige Tochter hat.

In der Nachkriegszeit

Die „Aufzeichnungen aus Italien“ erscheinen 1946, in ihnen schrieb Carossa die Eindrücke und Erfahrungen nieder, die er auf seinen verschiedenen Italienreisen in den Jahren 1925 bis 1943 gesammelt hatte. In der Nachkriegszeit ist er immer noch sehr populär. Bereits 1947 kann er mit „Zulassung Nr. 13 der Nachrichtenkontrolle der Militärregierung“ im Insel-Verlag den Band Gesammelte Gedichte herausgeben. Eine sicherlich selbstkritische Bilanz in Bezug auf seine Haltung zum NS-Regime zieht er in seinem Buch „Ungleiche Welten“ 1951.

1948 wird er Ehrenbürger der Stadt Landshut sowie Ehrenbürger der Stadt Passau. Hans Carossa hatte sich bei Kriegsende für eine kampflose Übergabe der Stadt Passau eingesetzt und war dafür in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. 1953 wird Carossa das Große Bundesverdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. 1954 wird die Schaldinger Hans-Carossa-Schule gebaut. Carossas letzte Autobiographie „Der Tag des jungen Arztes“ wird 1955 veröffentlicht.

Seine zweite Frau Hedwig findet 1956 den Tod; noch im September stirbt Hans Carossa selbst in Rittsteig bei Passau.

Beerdigung

Carossa war in der Nacht vom 11. September auf den 12. September 1956 in seinem Haus in Rittsteig „sanft entschlafen“, wie in der Todesanzeige nachzulesen war. Er wurde am 14. September 1956 auf dem Friedhof des heutigen Passauer Stadtteils Heining, der damals noch eine selbstständige Gemeinde bildete, zu Grabe getragen. Der Friedhof war überfüllt, Bundespräsident Theodor Heuss ließ einen Kranz niederlegen, und der Maler Alfred Kubin stand am Sarg. Professor Alois Winklhofer zelebrierte als Geistlicher den Gottesdienst und hielt die Trauerrede. Er würdigte Carossa als Mensch und als Dichter, dessen Schaffen sich immer innerhalb des katholischen Weltgefühls vollzogen habe.

Werk

Beschreibung

Carossas Gesamtwerk umfasst neben mehr als 10 zumeist autobiographisch geprägten Romanen und Erzählungen viele Gedichte, Essays und Reiseberichte.

Die Folklore, Mythen und Menschen Bayerns lassen sich häufig in Carossas Werken finden, zum Beispiel in den Autobiographien "Eine Kindheit" und "Verwandlungen einer Jugend". In seinem Werk, mit dem er sich selbst Goethes Tradition weiterführen sieht, wird seine humanistisch geprägte Erziehung deutlich. Im Laufe seines Lebens schuf Carossa vier autobiographische Werke und leistete dadurch einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der autobiographisch geprägten Romane in Deutschland.

Ungeachtet der Existenz des Bösen, wollte Carossa die Welt als ordnende und heilende Schöpfung eines gütigen Gottes verstehen und darstellen. Diese Gesinnung lässt sich auch in seiner gleichgültigen Hinnahme der politischen Entwicklung der Weimarer Republik beobachten. Die Politik interessierte ihn, wie er in "Ungleiche Welten" formulierte, zu dieser Zeit weniger als seine privaten Ziele. Später jedoch wurde sein Werk dank dieser Gesinnung zur literarischen Nische, in der eine zwar künstliche, aber friedvolle Welt existiert, die mit den Realitäten des NS-Regimes nichts gemein hatte.

Im Laufe der Jahre wurden Carossas Leser immer weniger. 2016, 60 Jahre nach seinem Tod, waren seine Werke nur noch Germanisten und Experten bekannt. Kein einziges seiner Bücher war noch im Buchhandel erhältlich.

Auflistung

  • Gesammelte Gedichte, 1910
  • Die Schicksale Doktor Bürgers, 1913
  • Eine Kindheit, 1922
  • Rumänisches Tagebuch, 1924
  • Verwandlungen einer Jugend, 1928
  • Der Arzt Gion, 1931
  • Geheimnisse des reifen Lebens, 1936
  • Das Jahr der schönen Täuschungen, 1941
  • Der volle Preis, 1945
  • Aufzeichnungen aus Italien, 1946
  • Ungleiche Welten, 1951
  • Tagebuch eines jungen Arztes, 1955

Auszeichnungen

Die Gedenktafel für Hans Carossa in Passau.

Postume Ehrungen

Sein Name steht auf dem Ehrenmal der Stadt Passau. Nach ihm sind in Passau die Carossastraße sowie die Hans-Carossa-Volksschule Heining-Schalding benannt. Die 1961 so benannte Carossastraße gehörte ursprünglich zur Gemeinde Heining. Die Stadt Passau hatte schon seit 1957 eine Carossastraße, die aber nach der Eingemeindung von Heining in Dr.-Eggersdorfer-Straße umbenannt wurde.

In Pilsting trägt die Hans-Carossa-Volksschule seinen Namen, in Landshut das Hans-Carossa-Gymnasium. Hans-Carossa-Straßen gibt es in Niederbayern in Ruderting, Hofkirchen, Kößlarn, Schwarzach, Geiselhöring, Massing, Rottenburg an der Laaber, Simbach am Inn, Stephansposching, Mainburg, Fürstenzell und Landau an der Isar, außerdem in Altötting und in Schärding. In Pocking befindet sich ein Hans-Carossa-Weg und in Vilshofen an der Donau ein Carossa-Ring.

Das einstige Schreibzimmer Hans Carossas, das sogenannte Carossa-Zimmer, befindet sich seit 1989 im Besitz der Stadt Passau.Von 2008 bis 2015 wurde es im Rathaus von Vilshofen an der Donau ausgestellt.

Literatur

Weblinks