Fotoatelier Seidel

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Blick auf das UNESCO-Weltkulturerbe Krumau - Foto: Seidel-Archiv
Datei:Pnp-26-09-09-foto2.jpg
Eines von 140.000 Motiven im Seidel-Archiv. (Foto: Seidel-Archiv)
Skispaß im Böhmerwald, aufgenommen von den Seidels. (Foto: Seidel-Archiv).
Vor dem Seidel-Haus - Foto: Steiml
"Gloria Musaealis" - Foto: Steiml

Das Fotoatelier Seidel (auch Seidel-Archiv) befindet sich in Krumau (Český Krumlov) und wurde 2008 als Museum eröffnet. In dem völlig renovierten Jugendstil-Haus in der Linzer Straße sind rund 140.000 alte Glas-Negativbildplatten gelagert, die aus den verschiedensten Facetten das einstige Leben, Land und Leute im alten Böhmerwald zeigen. Die Rettung des Fotoateliers gilt als ein ausgezeichnetes Beispiel für beste länderübergreifende, von der EU honorierte Zusammenarbeit und wird als Ort gemeinsamer Kulturgeschichte betrachtet.

Weil die Familie Seidel alles in ihrem Atelier fein säuberlich gelagert, archiviert und somit der Nachwelt erhalten haben, stellt das Atelier einen kulturhistorischen Schatz, ein umfassendes Bild vom einstigen Böhmerwald dar.

Über das Atelier

Der 1859 in Nordböhmen geborene Josef Seidel war 1880 nach Krumau gekommen und hat sich dort 1905 sein eigenes Atelier gebaut. In den nächsten Jahrzehnten kam ihm – später dann seinem Sohn Franz – sozusagen „der ganze Böhmerwald“ vor die Linse. Mit dem Motorrad waren sie zu den Ereignissen und Kunden unterwegs, viele Menschen ließen sich auch im Atelier selbst portraitieren. Ihr Einzugsbereich reichte von der Further Senke im Norden bis hinunter zu den Gratzer Bergen und der Gürtel reichte je rund 30 Kilometer hinein ins böhmische und ins bayerische.

Alles in allem waren Josef und Franz Seidel von der Jahrhundertwende bis gegen 1948 unentwegt im Einsatz, um Familien, Sehenswürdigkeiten, Jubiläumsfeste, Ortsansichten, Firmen und ihre Belegschaften, Vereine, Ereignisse zu allen Jahreszeiten „abzulichten“. Neben den erfreulichen Begebenheiten wurden auch schwere Zeiten, wie jene des Krieges, festgehalten. Damit waren die beiden Fotografen so etwas wie die Chronisten des Lebens im Böhmerwald. Und all das, was fotografiert wurde, ist in sogenannten Findbüchern notiert und die Glasplatten in fein säuberlich beschrifteten Pappschachteln gelagert worden – bis hinunter unters Dach!

Als 1997 Franz und fünf Jahre später seine Gattin starben, war eine triste Zeit für das Haus angebrochen. Als Anfang der Neunziger Jahre Manfred Pranghofer und Robert Baierl vom Böhmerwaldmuseum Passau zu Besuch waren, erkannten die beiden den unschätzbaren Wert, das Juwel, den kulturhistorischen Schatz, der da im Verborgenen schlummerte. Um das Archiv zu erhalten musste das Haus gesichert und renoviert werden und man musste sich Gedanken machen, wie die 140.000 Glasplatten samt Findbüchern, Archiveinrichtung, Gerätschaften erhalten werden konnten.

Die Stadt Krumau ergriff die Initiative, kaufte das Anwesen von einer Viechtacher Erbengemeinschaft und ging mit seiner Tochtergesellschaft, dem Krumauer Entwicklungsfonds, an die Realisierung. Bei der Eröffnung waren sich die Gäste aus nah und fern einig, dass hier ein Juwel gerettet worden ist, das nun alle Freunde des Böhmerwaldes anziehen dürfte: Heimatvertriebene, ihre Nachfahren, Menschen, die einst im Böhmerwald gelebt haben, die nach ihrer Familienherkunft suchen, die sich an den alten Böhmerwald zurückerinnern wollen, Einheimische, Urlaubsgäste, junge Leute, die auch in der Gegenwart und Zukunft wissen wollen, wie hier die Vergangenheit war.

Sie betreten eine Jugendstil-Epoche, tauchen ein in die Atmosphäre der 1920er und 1930er-Jahre, stehen im original erhaltenen Empfangsbüro, sehen Wohn- und Schlafzimmer der Seidels, die Vielzahl an bestens erhaltenen Gerätschaften, das wunderschöne Atelier mit der Glaskuppel, das Archiv, die Türme an gelagerten Platten – die Zeit scheint still zu stehen.

Im ersten Jahr nach der Öffnung des Museums konnte man schon an die 6000 Besucher verzeichnen, außerdem erhielt man den "Gloria Musaealis 2008", den wichtigsten tschechischen Museumspreis.

Das Seidel-Archiv

2008, nach einer aufwendigen Renovierung des alten Ateliers, wurde bereits das nächste Projekt in Angriff genommen. Alle 140.000 Foto-Glasplatten und sämtliche Fundbücher der Familie sollten digitalisiert werden, um sie zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Im Sommer 2012 ist die Digitalisierung der Bestände des Fotoateliers Seidel in Krummau abgeschlossen und die neue Datenbank wird zur allgemeinen Nutzung offenstehen.

Die Kosten dieses aufwendigen Unterfangens belaufen sich auf rund 770.000 Euro, gefördert wird das Projekt von der EU mit 655.000 Euro. Zusätzlich wird man vom Böhmerwaldmuseum Passau und vom Emerenz-Meier-Haus-Verein Schiefweg tatkräftig unterstützt. Das Projekt läuft unter dem Namen „Datenbank der gemeinsamen Geschichte Sumava–Bayerischer Wald“.

Ziel des Seidel-Archivs ist es, dass künftig ein Spaziergang per Fotos durch die Geschichte des Böhmerwaldes möglich ist, dass per Suchbegriff und Schlüsselworten am Computer Interessenten nach Bildern suchen, schauen, studieren und vielleicht sogar familiäre Zusammenhänge erkennen können.

Förderer

Unterstützt wurde das Vorhaben durch die Stadt Krumau, durch das Böhmerwaldmuseum Passau, durch die Euregio und den Verein „Glaube und Heimat“. Auch fand es Unterstützung von vielen Gönnern und Spendern aus allen drei Ländern der Region – ebenso vom Bezirk Südböhmen und von der tschechischen Regierung, weil auch das Kultusministerium sehr aufgeschlossen gewesen ist.

Marketing-Kooperation

In Kooperation mit dem Seidel-Archiv will der Emerenz-Meier-Haus-Verein eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit im Rahmen eines gemeinsamen Marketings für das Auswanderermuseum im Emerenz-Meier-Haus und das Fotoatelier Seidel Krumau.

Siehe Hauptartikel: Emerenz-Meier-Haus-Verein

Literatur

Weblinks