Carlo Schellemann

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Carlo Schellemann. (Foto: Zeidler)

Carlo Schellemann (* 1924 in Krumbach; † 22. April 2010) war ein in Eggenfelden ansässiger Maler, Zeichner, Grafiker und Fotokünstler.

Anfangs der Surrealismus, später Realistisches, dann Landschaften in Niederbayern, aber auch in Europa und der Welt, Stillleben: Mit diesen wenigen Begriffen lässt sich das umfangreiche Werk Carlo Schellemanns zwar umreißen. Sie gewähren aber noch keinen Einblick in die tatsächliche Vielfalt seines künstlerischen Schaffens von sieben Jahrzehnten, in denen er auch als Bühnenbildner, Kameramann arbeitete, Texte von Martin Walser und Titelseiten für den „Spiegel“ illustrierte.

Leben und Wirken

Carlo Schellemann war geprägt von den Kriegsjahren und den Einschränkungen künstlerischer Bildung der 1930er und 1940er Jahre. Er wurde 1924 im schwäbischen Krumbach geboren, kam mit 18 Jahren 1942 – mitten im Krieg – an die Akademie der Künste in München und begann sein intensives Zeichenstudium. Die Schließung der Akademie setzte seinen Bemühungen ein vorläufiges Ende.

Die Nachkriegsjahre waren für den jungen, werdenden Künstler eine Zeit geradezu eruptiven Aufbruchs, als ihm klar wurde, welche Lücken es aufzufüllen galt und welche Möglichkeiten der Auseinandersetzung der künstlerischen Arbeit nun durch die Demokratie geboten wurden: die deutschen Expressionisten, Picasso, die Kubisten und die Welt des Surrealismus – niemand kann sich heute mehr vorstellen, was diese Entdeckungen in der Zeit für die Künstler bedeutet haben. Damit kam aber auch aus der Kriegserfahrung heraus die Kritik an der politischen Entwicklung, der Wiederaufrüstung, dem Wettrüsten und der antikommunistischen Haltung der Regierung. Die Künstler, auch Carlo Schellemann, wehrten sich mit ihren Mitteln vehement gegen diese Tendenzen. Das ist die große Zeit der Bleistiftzeichnungen des Künstlers, der Bilder schaffen wollte, die sowohl einen aktuellen Inhalt hatten, als auch formal interessant waren.

Es entstanden in den 1950er und 1960er Jahren die grafischen Zyklen, Interpretationen zu Brechts „Freiheit und Democracy“, die „Stationen Vietnams“, später dann „Staat und Revolution“ (nach Lenin) und der „Gilgamesch Epos“. Da die Amerikaner eine Bildersperre verhängt hatten und man fast keine Informationen über den Vietnamkrieg erhielt, musste Schellemann sich anhand von Veröffentlichungen im Magazin „National Geographic“ orientieren.

Der einzige Weg für die Künstler, ihren engagierten Bemühungen Geltung zu verschaffen: Sie gründeten eine eigene Zeitschrift „tendenzen“, die aus der Bewegung „Künstler gegen Atomkrieg“ entstand. Schellemann war Mitbegründer dieser Zeitschrift und blieb bis 1977 Mitherausgeber. Aber auch Interpretationen literarischer Kunstwerke wie „Deutschland – ein Wintermärchen“ von Heinrich Heine (1976) nutzte Schellemann, um seine Ideen anhand der Darstellung bestimmender Persönlichkeiten des Jahrhunderts zum Ausdruck zu bringen.

Es überrascht nicht, dass der Künstler häufig im früheren Ostblock, besonders in der DDR ausstellen konnte und ein gern gesehener Gast war, weil er die Politik des „Klassenfeindes“ an den Pranger stellte. Noch 1984 wurde dort eine Retrospektive der Werke Schellemanns, seine letzte in der untergehenden DDR, gezeigt. Er war Kommissar bei der Biennale der Ostseeländer und lernte Wolf Biermann kennen, mit dem ihn eine jahrelange Freundschaft verband. Tatsache ist, dass Schelle-mann in der DDR die Anerkennung erhielt, die ihm im Westen versagt wurde. Gleichzeitig wurde aber, so absurd es klingen mag, eine umfangreiche Stasi-Akte gegen ihn angelegt. Schellemann sah für sich diese Zeit als Verpflichtung, das furchtbare Handeln der Väter zu verstehen und aufzuarbeiten.

Er zog sich aber dann zurück und übersiedelte mit seiner Familie 1977 nach Eggenfelden, wo er eine ganz andere Welt kennenlernte. Es war einer der Brüche in seinem Leben, der ihn in eine völlig neue Lebenssituation stellte. Von diesem Moment an entstanden die von vielen so geschätzten Landschaftsbilder, mit denen er seiner neuen Heimat ein Denkmal setzte und die ein wichtiger Teil seines Lebens wurden. Er veranstaltete auf seinem Hof Sommerkurse und gab sein Wissen gerne an interessierte Maladepten weiter. Ein kleiner Kreis war bei ihm im schönen Atelierhaus ständig aktiv tätig. Zahlreiche Ausstellungen in der näheren und weiteren Umgebung machten Schellemann einem immer größeren Publikum bekannt.

Von hier aus eroberte sich Schellemann aber auch die weite Welt: Europa bis in die hintersten Ecken, den Jemen, Namibia, Marokko, Ladakh im Himalaya, Nicaragua und vieles mehr. Hier entstanden seine hochkünstlerischen Fotos, farbig und schwarzweiß, bei denen ebenfalls Menschen in ihrer besonderen Situation und grandiose Landschaften die Hauptrolle spielten. Schellemanns Dia-Archiv umfasst mehr als 45.000 Dias aus dieser Schaffensperiode.

Es ist aber auch die Zeit der großformatigen Acrylbilder, bei denen weiterhin das intensive Beobachten der Lebenssituation der einfachen Menschen eine Rolle spielte, wie auch andererseits - so Schellemann - früher die Darstellung der Natur und der Landschaft immer ein wesentlicher Bestandteil seines Schaffens war. Nicht zu vergessen sind seine zahlreichen Stillleben, die bis ins kleinste Detail den Grafiker zeigen, der vermodertes Holz ebenso plastisch zeichnen konnte wie Blüten und Bäume.

Eine schwere Krankheit und Operation zwangen Schellemann ab 2000 dazu, weniger zu arbeiten. Nach und nach erholte er sich und war bis zuletzt zeichnerisch unermüdlich aktiv. Am 22. April 2010 ist Carlo Schellemann im Alter von 85 verstorben.

Literatur