Radabweiser
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Die Radabweiser am Marktplatz von Waldkirchen sind ein beliebtes Wahrzeichen in der Bayerwaldstadt.
Die Geschichte
Die Familie der Radabweisersteine am Stadtplatz von Waldkirchen, Landkreis Freyung-Grafenau, ist heute das interessanteste und wichtigste Foto-Motiv für Urlauber. Zunächst waren solche Steine funktionale Hilfen. Als in früheren Jahrhunderten auf dem Marktplatz noch laufend Viehmärkte abgehalten wurden, als sich das Leben in den Geschäften und Wirtshäusern des Marktplatzes und seiner kleinen Seitengassen abspielte, waren zahlreiche Pferdefuhrwerke unterwegs. Um die Hausecken und -wände zu schützen, wurden dort granitene Steinsäulen an die Hausecken gemauert, damit diese die Räder von zu eng um die Kurve fahrenden Fuhrwerken abwiesen und so die Hauswand verschont blieb. Später wurden dann solche Steine umfunktioniert.
Die erste Figur: Der Ewige Hochzeiter
Steinmetz Matthaus Hausbäck war es in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der den Radabweiserstein am Hauseck bei der Zufahrt vom oberen Marktplatz umgestaltete. Er machte aus dem Granitstein eine Fugur, bemalte sie mit einer Biedermeiertracht - und es war der "Ewige Hochzeiter" entstanden. Eine Figur, die auch im Volksmund als "Stoanerner Hans " bekannt ist. Vermutlich sollte er einen heiratsfähigen Burschen aus der Umgebung darstellen, der unterhalb der Kirche sozusagen auf Brautschau war, da er noch nicht unter der Haube zu sein schien....
Die zweite Figur: Die Stoanerne Gretl
Es dauerte bis 1972, als ein oft von der Bevölkerung geäußerter Wunsch realisiert wurde: Gebts dem Hans doch eine Hochzeiterin! Aus Anlass der Stadterghebung 1972 wurde gegenüber vom "Ewigen Hochzeiter" die "Stoanerne Gretl" aufgestellt, am Eck vom Modehaus Garhammer. Und seitdem schauen sie sich über die Straße hinweg in die Augen.
Die dritte Figur: Der Herr Marktrichter
1999 kam am unteren Marktplatz der Herr Marktrichter dazu. Mit dieser Figur wird an den Umstand erinnert, dass einst Waldkirchen als der wichtigste Ort im Passauer Abteiland nicht nur die Marktrechte früh erhalten und eine trutzige Ringmauer um sich herum bekommen hatte, sondern dass ihm die Passauer Fürstbischöfe auch einen eigenen Richter gegeben haben. Die eigene Gerichtsbarkeit - diese geschichtliche Besonderheit wird in Waldkirchen alljährlich mit dem Marktrichtertag dargestellt - und am unteren Marktplatz erinnert der steinene Radabweiser an diese lange Phalanx der Waldkirchner Marktrichter.
Die vierte Figur: Der Gastwirt
Weil Waldkirchen einst als wichtigster Ort am Goldenen Steig (alter Transporthandelsweg zwischen Bayern und Böhmen) genau auf halber Strecke zwischen Passau und Prachatitz lag, konnten hier die Säumer, wie die Spediteure des Mittelalters hießen, übernachten bzw. Rast machen. Ergo brauchte es viele Wirtshäuser. Daran erinnert der Gastwirt, der jetzt steinern am Gasthof Lamperstorfer steht (seit 2000) - und an den Umstand, dass Waldkirchen nach wie vor recht gastfreundlich ist.
Die fünfte Figur: Das Hackinger Marerl
Im Oktober 2008 kam nun die bisher letzte Figur dazu: Mit dem "Hackinger Marerl" wird an ein Original erinnert, eine Marktrfau, die bis in die 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts hinein mit ihrem Stand ein Treffpunkt zum Obst- und Gemüsekauf und zum Plaudern gewesen ist. Sie schaut jetzt vom Pollner-Eck mitten am Marktplatz hinaus aufs Geschehen.
Die sechste Figur: Der Chirurg
Dank großzügiger Unterstützung durch Max Stadler von der Marien-Apotheke ist es dem Heimat- und Museumsverein gelungen, die Gruppe der so außergewöhnlichen Steinfiguren am Marktplatz zu vergrößern. Johann Caspar Staudenhöchtl, der erste richtige Chirurg in Waldkirchen, kam ans Apotheken-Eck.
Von 1763 bis 1835 hat dieser Mann gelebt, mit dem in Waldkirchen eine neue medizinale Ära begonnen hat. Johann Caspar Staudenhöchtl und sein gleichnamiger Vater verkörpern den Übergang vom mittelalterlichen Baderwesen zur modernen Medizin. Teile des damals verwendeten chirurgischen Gerätes und Portraits von Johann Caspar und seiner Gattin Maria Anna Staudenhöchtl sind im Museum „Goldener Steig“ zu sehen.
Die siebte Figur: Der Säumer
Manfred Werner gestaltete die siebte Figur auf dem Waldkirchner Marktplatz. Der Säumer kommt in schlichtem Gewand, aber mit viel Ausstrahlung, das schwer beladene Pferd führend, vom Unteren Tor herauf. Damals, als viel Salz von Passau ins salzlose Böhmen transportiert wurde, war ein Säumerzug an der Tagesordnung.
Die Künstler, die Initiatoren
Matthias Hausbäck hatte als Steinmetz Mitte des 19. Jahrhunderts die Hochzeiter-Figur geschaffen. Alle anderen vier Figuren hat Manfred Werner, bekannter Waldkirchner Künstler, gefertigt. Der Heimat- und Musemsverein Waldkirchen hat dafür gesorgt, dass die Familie der Steinfiguren immer wieder Nachwuchs bekommen hat. Und vielleicht weiter bekommen wird....
Literatur
- "Bald Zuwachs für „Hochzeiter“ und Co.", PNP-Artikel (Ausgabe F) vom 12.09.2008, Seite 34
- "Erst die Marktfrau, nun der Jahreskalender", PNP-Artikel (Ausgabe F) vom 23.10.2008, Seite 35
- Reinhold Steiml: „Stein-Familie“ bekommt wieder Zuwachs. In Passauer Neue Presse vom 10. Oktober 2009 (S. 40)
- Reinhold Steiml: Ein steinerner Chirurg am Marktplatz. In Passauer Neue Presse vom 16. Oktober 2009 (S. 26)
- Reinhold Steiml: Das ist der schwerste Säumer aller Zeiten. In Passauer Neue Presse vom 12. Juli 2010 (S. 24)


